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Das Gesicht des Krieges

Meine Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf Ereignisse und Folgen des letzten Balkankrieges. Gemeinsam mit Universitäten aus dem Areal des ehemaligen Jugoslawien führten wir eine Reihe von Untersuchungen durch. Aus traumatologischer Sicht handelt es sich um einen der am besten analysierten Kriege in der Geschichte der Menschheit. Unser Augenmerk galt dabei besonders den Folgen für die Zivilbevölkerung.

Grundsätzlich kann man eigentlich nicht von einem einheitlichen «Gesicht» des Krieges sprechen. Für so gut wie alle Betroffenen handelte es sich um eine Serie unterschiedlichster traumatischer Ereignisse, die je nach Kriegsort unterschiedlich häufig und intensiv waren. Die örtlichen psychologischen und medizinischen Instanzen waren vom Krieg überrascht worden. Es gab wenig lokales Wissen um die psychopathologischen Folgen eines Krieges und insbesondere der PTSD. Unter extremen Bedingungen wurden KollegInnen nachgeschult, um aktiv Hilfe leisten zu können.

Als Reaktionen auf den traumatischen Stress standen vor allem Depression, affektive Störungen, Angststörungen inkl. PTB Somatisierung (Auftreten körperlicher Beschwerden wie Kopf- oder Magenschmerzen, Müdigkeit, Erschöpfung u.ä.), Substanzmissbrauch und kulturabhängige Symptome im Vordergrund. Neben den psychopathologischen Folgen berichten die Betroffenen über ein vermindertes Vertrauen in ihr Umfeld, eine Erschütterung ihrer Grundannahmen über die Welt und eine eingeschränkte Sicht der Zukunft.

Ähnlich wie in anderen Untersuchungen weltweit sind auch im ehemaligen Jugoslawien Frauen doppelt so häufig von PTB betroffen wie Männer. Für diesen Unterschied gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. So berichten Frauen seelische Problem leichter. Andererseits erleben Männer und Frauen unterschiedliche Ereignisse, die wiederum unterschiedlich „giftig“ sein können. Weiterhin kann man geschlechtsspezifische Bewältigungsmöglichkeiten annehmen, so reagieren Frauen mehr mit PTB und Männer möglicherweise mehr mit Substanzmissbrauch. Ein weiterer Grund ist, dass sich für Frauen häufig die Probleme in der Folge eines Krieges potenzieren. So sind sie nach dem Verlust des Ehemannes für die Kinder verantwortlich und haben aufgrund schon von früher bestehender materieller und bildungsmäßiger Ungleichheit weniger Chancen in einer Nachkriegsgesellschaft. Besonders schwierig ist die Situation für die Frauen, wenn Mann und Kinder umgekommen sind, und aufgrund des Alters eine neue Familiengründung nicht mehr möglich ist.

Ein weiterer Faktor für die Ausprägung der Folgen war letztlich auch die Zahl der traumatischen Ereignisse, bei deren Dramatik Vergewaltigung und Folter die schwersten Folgen hatten. Streng wissenschaftlich gesehen ist es allerdings nicht möglich, in einem derartigen Umfeld eine „Reihung“ nach Folgenschwere vorzunehmen, da so gut wie alle Betroffenen einer Kette von Traumata ausgesetzt waren.

Aber auch etwas sehr Interessantes und Neues wurde beobachtet – das so genannte „posttraumatische Wachstum“. Darunter versteht man die Fähigkeit vieler Menschen auch nach einem Trauma einen neuen Sinn zu finden. Etwa jeden Tag bewusst zu erleben, intensivierte Beziehungen zu andern Menschen zu spüren oder Spiritualität zu entwickeln. Ein faszinierendes Phänomen, das bislang kaum Beachtung fand.

Nicht vergessen werde sollte – auch, wenn dieser Krieg aus den Schlagzeilen verschwunden ist, – dass eine kollektive Traumatisierung, wie sie auf dem Balkan stattfand, nicht einfach zu verarbeiten ist. Die Bemühungen um die Betroffenen werden noch lange anhalten müssen. Auch ein verstärkter nationaler und internationaler „politischer Wille“ vor Ort wird nötig sein um Bemühungen der Aufarbeitung zu unterstützen und zu fördern.

Die wahre Tragweite der Auswirkungen dieses Konflikts werden wir letztlich erst dann kennen, wenn auch ausreichend Zeit für die Beobachtung der Langzeitfolgen verstrichen ist.

Univ. Prof. Dr. Rita Rosner
Ludwig-Maximilians-Universität München, Department für Psychologie
D-80802 München, Leopoldstr. 13 Tel: +49 89 2180 5174, Fax: +49 89 2180 5196
Email: rosner@psy.uni-muenchen.de